Neugier ist ein Zustand, kein Charakterzug.
Vorgelesen von Clara Blum. Der Text stammt von Michael Kobbeloer.
- Neugier entsteht nach George Loewenstein, wenn jemand eine Lücke in seinem Wissen bemerkt.
- Manche Menschen sind neugieriger als andere. Aber auch bei ihnen zeigt sich Neugier in Situationen, und die Situation gestaltest du.
- Am größten ist die Neugier bei mittlerer Gewissheit. Wer keine Ahnung hat oder sich sicher ist, wird nicht neugierig.
- In Laborstudien behielten Versuchspersonen die Antworten auf Fragen, die sie neugierig machten, besser. Teilweise auch Dinge, die nebenbei passierten.
- Eine Lücke muss sich schließen. Eine Lücke, die zu groß ist, ein Einstieg als Show und eine Frage ohne Antwort kippen ins Gegenteil.
Der Flur ist voller Rauch.
Stell dir eine Ausbildung für Dozenten bei einer Feuerwehr vor. Ein Lerngast hat ein Lernprojekt zur taktischen Ventilation gebaut. Er schickt einen Kollegen hinaus auf den Flur. Der öffnet die Tür, und der Flur ist voller Rauch. Im Raum wissen alle sofort: Hier kommen wir nicht raus. Und die Frage steht im Raum, ohne dass jemand sie stellen muss: Wie kriegen wir den Rauch weg?
Jetzt stell dir dasselbe Thema anders vor. Erste Folie: Taktische Ventilation. Zweite Folie: Lernziele. Dritte Folie: Druckverhältnisse in Gebäuden. Der Inhalt ist derselbe. Die Lerngäste sind dieselben. Wer um neun Uhr in der letzten Reihe saß und auf die Uhr geschaut hat, sitzt in beiden Varianten da.
Im ersten Fall beugt sich dieselbe Person nach vorne. Nicht, weil sie über Nacht ein neugieriger Mensch geworden ist. Sondern weil die Situation eine Frage erzeugt hat, bevor die Antwort kam. Im zweiten Fall kommt die Antwort zuerst, auf eine Frage, die niemand gestellt hat.
Neugier ist weniger eine Eigenschaft deiner Lerngäste als eine Eigenschaft der Situation, die du baust.
Neugier entsteht an einer Lücke.
Der Wirtschaftswissenschaftler und Psychologe George Loewenstein hat 1994 die Forschung zur Neugier zusammengefasst und neu gedeutet.1 Die älteren Theorien erklärten seiner Ansicht nach nicht, was Neugier im konkreten Moment auslöst. Sie erklärten auch nicht, warum Menschen Neugier freiwillig suchen, etwa bei Krimis und Rätseln.
Seine Antwort ist die Theorie der Informationslücke. Neugier ist danach eine Form von Mangel, die im Denken entsteht. Sie setzt ein, wenn jemand eine Lücke zwischen dem bemerkt, was er weiß, und dem, was er wissen will. Neugier ist nach Loewenstein intensiv, kurzlebig und drängend. Und sie enttäuscht oft, sobald die Antwort da ist.
Daraus folgt etwas, das für deinen Einstieg entscheidend ist. Eine Lücke bemerkt nur, wer schon etwas weiß. Wer von einem Thema gar nichts versteht, sieht keine Lücke. Er sieht nur Nebel. Wer glaubt, schon alles zu wissen, sieht auch keine. Neugier braucht also beides: einen Rand, an dem man stehen kann, und den Blick auf das, was dahinter fehlt.
Die Psychologie unterscheidet dabei zwei Ebenen. Neugier als Eigenschaft beschreibt, wie neugierig ein Mensch im Allgemeinen ist. Neugier als Zustand beschreibt, wie neugierig er in diesem Moment auf diese Sache ist. Todd Kashdan und Paul Silvia beschreiben das Verhältnis so: Die Eigenschaft zeigt sich darin, wie oft und wie intensiv jemand den Zustand erlebt.2 Menschen mit hoher Neugier als Eigenschaft waren im Alltag Tag für Tag häufiger neugierig. Die Eigenschaft gibt also eine Neigung vor. Ob Neugier entsteht, entscheidet die Situation.
Für dich heißt das: Du hast Lerngäste, die leichter anspringen, und Lerngäste, die mehr brauchen. Aber du arbeitest nicht mit Charakterzügen. Du arbeitest mit Situationen.

Am neugierigsten bei halber Gewissheit.
Wie groß muss die Lücke sein? Dazu gibt es eine Studie mit einem schönen Titel: „The wick in the candle of learning“, der Docht in der Kerze des Lernens. Min Jeong Kang und Kollegen, darunter Loewenstein, legten Studierenden des California Institute of Technology Wissensfragen vor.3 Zu jeder Frage gaben die Versuchspersonen an, wie sicher sie die Antwort zu kennen glaubten und wie neugierig sie darauf waren.
Das Ergebnis war ein umgekehrtes U. Bei geringer Gewissheit war die Neugier niedrig. Bei hoher Gewissheit auch. Am größten war sie in der Mitte, dort, wo die Versuchspersonen etwa zur Hälfte sicher waren. In einem weiteren Versuch zeigte sich, dass Menschen für Antworten, auf die sie neugierig waren, etwas einsetzten: eine begrenzte Zahl von Spielmarken oder Wartezeit.
Dazu kam ein Gedächtniseffekt. Ein Teil der Versuchspersonen kam elf bis sechzehn Tage später wieder. Antworten auf Fragen, die sie zuvor falsch geraten hatten, behielten sie besser, wenn ihre Neugier hoch gewesen war. Genau dort, wo jemand eine Vermutung hatte und sich geirrt hat, wirkte die Neugier am deutlichsten.
Die Stichproben waren klein, zwischen 16 und 30 Studierende je Versuch. Die Fragen waren Quizfragen. Das Muster aber passt zu Loewensteins Theorie: Neugier entsteht an einer Lücke, die man sieht und die man für schließbar hält.
Neugier öffnet das Gedächtnis auch für Nebensachen.
Matthias Gruber, Bernard Gelman und Charan Ranganath gingen 2014 einen Schritt weiter.4 Auch sie arbeiteten mit Wissensfragen. Nach jeder Frage warteten die Versuchspersonen 14 Sekunden auf die Antwort. In dieser Wartezeit sahen sie ein Gesicht, das mit der Frage nichts zu tun hatte.
Antworten auf Fragen, die sie neugierig gemacht hatten, behielten die Versuchspersonen besser. Im ersten Versuch kam der Test nach rund 20 Minuten. Die Versuchspersonen erinnerten rund 71 Prozent dieser Antworten, gegenüber rund 54 Prozent bei Fragen mit geringer Neugier. In einem zweiten Versuch mit einem Test am nächsten Tag lag das Verhältnis bei rund 46 zu 28 Prozent. Auch die beiläufig gezeigten Gesichter erkannten sie nach Fragen mit hoher Neugier etwas besser wieder. Dieser Effekt war klein.
Im Gehirn war bei hoher Neugier das dopaminerge Mittelhirn aktiver. Bei Versuchspersonen mit größerem Gedächtnisvorteil arbeitete es enger mit dem Hippocampus zusammen, der für die Gedächtnisbildung wichtig ist. Die Aussage ist vorsichtig: Neugier hängt mit einem Zustand zusammen, in dem das Gedächtnis offener ist. Mehr gibt eine kleine Laborstudie nicht her.
Für den Seminarraum ist der Gedanke trotzdem nützlich. Die Zeit zwischen der Frage und der Antwort ist keine verlorene Zeit. Was in dieser Spanne passiert, hat gute Chancen, hängen zu bleiben.
Was Schritt 2 von dir verlangt.
In der Emotionalen Didaktik gehört Neugier zu Schritt 2, Öffnen. Deine Lerngäste bringen Routine, Pflichtgefühl und Ungeduld mit. Du löst Neugier aus. Was das Lernen hier zerstört, sind Langeweile, Gleichgültigkeit und Überreizung.
Jedes der drei mitgebrachten Gefühle hat mit der Lücke zu tun. Routine sagt: Kenne ich schon. Wer so denkt, sieht keine Lücke. Pflichtgefühl sagt: Ich bin hier, weil ich muss. Wer so denkt, sieht eine Lücke, aber sie ist ihm egal. Ungeduld sagt: Komm zum Punkt. Wer so denkt, hat schon eine Frage, nur nicht deine. Deine Aufgabe ist, aus diesen drei Haltungen eine Lücke zu machen, die die Lerngäste selbst schließen wollen.
Zu Schritt 2 gehört auch der Sinn. Reinhard Pekrun beschreibt, dass Lerngefühle unter anderem davon abhängen, ob einem die Sache wichtig ist.5 Eine Lücke, die nichts mit meinem Alltag zu tun hat, lässt mich kalt. Sinn kannst du niemandem überstülpen. Aber du bietest ihn an, mit einer Frage wie: Wann hast du das zuletzt gebraucht? Oder mit einer Szene, die aus dem Alltag deiner Lerngäste stammt. Der Rauch im Flur funktioniert bei einer Feuerwehr, weil jeder dort diesen Flur kennt.
Ohne Sinn kein Interesse. Ohne Interesse keine Aufmerksamkeit. Ohne Aufmerksamkeit kein Lernen.
Wie du die ersten Minuten vor diesem Schritt gestaltest, steht im Beitrag „Der Wirkraum“.
Die Gegenposition.
Neugier ist kein Allheilmittel, und die Forschung dazu hat Grenzen.
Eine zu große Lücke frustriert. Das umgekehrte U bei Kang und Kollegen zeigt es: Bei geringer Gewissheit sinkt die Neugier. Wer am Anfang nichts versteht, wird nicht neugierig. Er steigt aus. Eine Irritation, für die deinen Lerngästen jeder Anknüpfungspunkt fehlt, erzeugt keine Frage, sondern Ratlosigkeit.
Zu viel Show führt zu Überreizung. Ein Zaubertrick, ein lauter Film, ein überraschender Effekt: Das erzeugt Aufmerksamkeit, aber noch keine Lücke. Wenn der Einstieg nichts mit dem Thema zu tun hat, erinnern deine Lerngäste den Effekt und nicht die Frage. Der Rauch im Flur funktioniert, weil er das Thema selbst ist.
Neugier ohne Auflösung kippt in Enttäuschung. Loewenstein beschreibt Neugier als unangenehmen Mangel. Wer eine Lücke öffnet und sie nicht schließt, lässt seine Lerngäste mit diesem Mangel allein. Und auch eine Antwort, die schwächer ist als die Frage, enttäuscht. Enttäuschung steht im Modell nicht ohne Grund im Außenring von Schritt 5.
Die Studien sind Laborstudien. Kleine Gruppen von Studierenden beantworten Quizfragen und werden nach Minuten, einem Tag oder zwei Wochen getestet. Ob derselbe Mechanismus bei einem komplexen Fachthema über einen ganzen Seminartag gleich wirkt, ist nicht untersucht. Die Richtung passt zu dem, was du im Seminarraum beobachten kannst. Gemessen ist sie dort nicht.
Und Menschen unterscheiden sich. Neugier als Eigenschaft gibt es wirklich. Du wirst nicht jeden Lerngast gleich neugierig machen. Du kannst aber dafür sorgen, dass niemand ohne Frage im Raum sitzt.
Was passiert, wenn die Neugier ganz fehlt, beschreibt der Beitrag „Der gefährlichste Zustand im Seminarraum ist nicht Angst“.
Was du morgen änderst.
- Erst die Frage, dann die Antwort. Schreib die Leitfrage des Blocks an das Chart, bevor du irgendetwas erklärst. Lass sie ein paar Minuten stehen, bevor du sie auflöst.
- Eine Vorhersage abgeben lassen. „Was passiert, wenn wir hier die Tür öffnen? Schreib deine Vermutung auf eine Karte.“ Wer sich festgelegt hat, will wissen, ob er recht hat. Bei Kang und Kollegen behielten die Versuchspersonen genau die Antworten besonders gut, bei denen sie sich geirrt hatten.
- Die Lücke dosieren. Prüf vorher: Wissen deine Lerngäste genug, um eine Vermutung zu haben? Wenn nicht, gib ihnen zuerst einen Rand, an dem sie stehen können. Ein Beispiel, eine Zahl, ein Bild.
- Eine Irritation einbauen. Zeig etwas, das der Erwartung widerspricht. Ein Ergebnis, das niemand vorhergesagt hat. Einen Fall, in dem die übliche Lösung scheitert.
- Den Einstieg als Metapher bauen. Der Einstieg zeigt das Thema, nicht eine Nummer davor. Frag dich: Was ist die Tür zum Flur in meinem Thema? Welche Situation macht die Frage sichtbar, bevor ich sie stelle?
- Den Sinn anbieten. Ein Satz, der das Thema mit dem Alltag deiner Lerngäste verbindet. Besser noch eine Frage, die sie selbst beantworten: „Wann hat dir das zuletzt gefehlt?“
- Die Lücke schließen. Sag, wann die Antwort kommt, und halte dich daran. Eine offene Frage am Chart, die bis zum Feierabend niemand aufgreift, ist ein gebrochenes Versprechen.
Für den allerersten Satz eines Seminars gibt es einen eigenen Praxistipp: „Der erste Satz“.
Du kannst niemanden neugierig machen. Aber du kannst die Lücke bauen, an der Neugier entsteht.
Öffnen ist Schritt 2 von sechs. Was davor und danach kommt, steht auf der Methodenseite.
- Loewenstein, George: The Psychology of Curiosity. A Review and Reinterpretation. In: Psychological Bulletin, Band 116, Heft 1, 1994, Seite 75 bis 98. Zurück zum Text
- Kashdan, Todd B.; Silvia, Paul J.: Curiosity and Interest. The Benefits of Thriving on Novelty and Challenge. In: Lopez, Shane J.; Snyder, C. R. (Hrsg.): The Oxford Handbook of Positive Psychology. 2. Auflage. Oxford University Press, New York 2009, Seite 367 bis 374. Zurück zum Text
- Kang, Min Jeong; Hsu, Ming; Krajbich, Ian M.; Loewenstein, George; McClure, Samuel M.; Wang, Joseph Tao-yi; Camerer, Colin F.: The Wick in the Candle of Learning. Epistemic Curiosity Activates Reward Circuitry and Enhances Memory. In: Psychological Science, Band 20, Heft 8, 2009, Seite 963 bis 973. Zurück zum Text
- Gruber, Matthias J.; Gelman, Bernard D.; Ranganath, Charan: States of Curiosity Modulate Hippocampus-Dependent Learning via the Dopaminergic Circuit. In: Neuron, Band 84, Heft 2, 2014, Seite 486 bis 496. Zurück zum Text
- Pekrun, Reinhard: The Control-Value Theory of Achievement Emotions. Assumptions, Corollaries, and Implications for Educational Research and Practice. In: Educational Psychology Review, Band 18, Heft 4, 2006, Seite 315 bis 341. Zurück zum Text
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