Der gefährlichste Zustand im Seminarraum ist nicht Angst.
Vorgelesen von Clara Blum. Der Text stammt von Michael Kobbeloer.
- Die Lernemotionsforschung ordnet Gefühle nach zwei Achsen: angenehm oder unangenehm, aktivierend oder deaktivierend. Langeweile ist unangenehm und deaktivierend.
- In mehreren Metaanalysen hängt Langeweile durchgehend mit schlechteren Leistungen zusammen. Der Zusammenhang ist klein bis mittel und wirkt in beide Richtungen.
- Langeweile entsteht bei Unterforderung und bei Überforderung, und immer dann, wenn die Sache den Lernenden wenig wert ist.
- Gefährlich ist Langeweile nicht, weil sie häufiger wäre als Angst. Sie ist gefährlich, weil sie leise ist und unterschätzt wird.
- Du erkennst sie an Zeichen, die wie Disziplin aussehen. Und du beeinflusst sie über Wert, Kontrolle und Tempo.
Die ruhigste Gruppe des Jahres.
Du kennst das: Donnerstag, 14 Uhr, Raum im zweiten Stock. Die Gruppe ist angenehm. Niemand stört, niemand widerspricht. Wenn du fragst, ob alles klar ist, nicken alle. Die Handys liegen umgedreht auf dem Tisch. Am Ende stehen gute Noten auf den Feedbackbögen.
Drei Wochen später fragst du eine Kollegin aus dieser Gruppe, was sie aus dem Nachmittag mitgenommen hat. Sie überlegt lange und sagt dann: „Das war angenehm.“
Diese Gruppe war nicht ängstlich. Sie war nicht überfordert, nicht wütend, nicht beschämt. Sie war gelangweilt. Und weil Langeweile keinen Lärm macht, hast du sie für Aufmerksamkeit gehalten.
Eine ruhige Gruppe ist noch keine lernende Gruppe.
Vier Gruppen von Lerngefühlen.
Der Bildungspsychologe Reinhard Pekrun hat die Gefühle beim Lernen systematisch untersucht. Am Anfang standen Interviews und Befragungen mit Schülern und Studierenden. Das Ergebnis: Sie erleben beim Lernen eine große Vielfalt an Gefühlen. Am häufigsten berichteten sie Angst. Angenehme Gefühle kamen im Ganzen aber genauso oft vor wie unangenehme.1
Aus dieser Arbeit stammt die Kontroll-Wert-Theorie.2 Sie ordnet Lerngefühle nach zwei Achsen. Die erste Achse ist die Valenz: Fühlt es sich angenehm oder unangenehm an? Die zweite ist die Aktivierung: Treibt das Gefühl an oder legt es still?
| Gruppe | Beispiele | Wirkung auf Lernen |
|---|---|---|
| Positiv aktivierend | Lernfreude, Hoffnung, Stolz | fördernd |
| Positiv deaktivierend | Erleichterung, Entspannung, Zufriedenheit | gemischt, gut nach Anstrengung |
| Negativ aktivierend | Frustration, Angst, Scham | gemischt, Frustration treibt an |
| Negativ deaktivierend | Langeweile, Hoffnungslosigkeit | durchgängig schädlich |
Die Tabelle zeigt, warum unangenehm nicht gleich schädlich ist. Angst und Frustration fühlen sich schlecht an, aber sie halten Menschen in Bewegung. Wer Angst vor einer Prüfung hat, lernt oft trotzdem. Er zahlt nur einen höheren Preis an Anstrengung. Langeweile dagegen fühlt sich schlecht an und nimmt zugleich den Antrieb. Sie hat keine Seite, die dem Lernen hilft.

Was Langeweile mit dem Lernen macht.
Pekrun und sein Team haben Langeweile in fünf Studien mit Studierenden aus Nordamerika und Deutschland untersucht. Wer sich langweilte, hatte mehr Probleme mit der Aufmerksamkeit. Er war weniger motiviert, strengte sich weniger an, verarbeitete den Stoff oberflächlicher und schnitt später schlechter ab.3 Die Autoren nennen Langeweile im Titel ihrer Arbeit eine vernachlässigte Emotion.
Zwei Metaanalysen bündeln viele solcher Studien. Die erste fasst 29 Studien mit über 19.000 Schülern und Studierenden zusammen. Langeweile hängt im Mittel mit einer Korrelation von minus 0,24 mit schlechteren Lernergebnissen zusammen. Langeweile im Unterricht hängt dabei enger mit schlechten Ergebnissen zusammen als Langeweile beim Lernen zu Hause.4 Die zweite fasst 68 Studien zusammen. Für Langeweile liegt der Zusammenhang mit der Leistung bei minus 0,25, gemessen an über 28.000 Personen.5
Was heißt das? Eine Korrelation von 0,25 ist kein Schicksal. Viele gelangweilte Lernende schneiden trotzdem gut ab. Aber über Tausende Personen hinweg zeigt sich der Zusammenhang immer wieder, in Schulen und Hochschulen, in verschiedenen Ländern.
Ein Befund verdient besondere Aufmerksamkeit. Eine Längsschnittstudie hat 424 Studierende ein ganzes Studienjahr begleitet. Langeweile senkte die nächste Prüfungsleistung. Und eine schlechte Leistung steigerte die nächste Langeweile.6 Das ist ein Kreislauf. Wer einmal abgehängt ist, langweilt sich mehr, und wer sich langweilt, wird weiter abgehängt.
Woher Langeweile kommt.
Die verbreitete Vorstellung lautet: Langeweile entsteht, wenn etwas zu leicht ist. Das stimmt, aber nur zur Hälfte.
Die Kontroll-Wert-Theorie nennt zwei Quellen. Die erste ist die Kontrolle. Langeweile entsteht, wenn die Anforderung weit unter dem liegt, was jemand kann. Sie entsteht aber auch, wenn die Anforderung weit darüber liegt.7 Wer nichts mehr versteht, hört irgendwann auf, es zu versuchen. Von außen sieht das genauso aus wie bei jemandem, der alles schon weiß.
Die zweite Quelle ist der Wert. Langeweile entsteht, wenn eine Tätigkeit für den Lernenden keinen Wert hat. Nach der Theorie braucht es beides: Unter- oder Überforderung zusammen mit fehlendem Wert. Wer eine Sache wirklich wichtig findet, hält auch eine zu leichte oder zu schwere Phase eine Weile aus.
Wie häufig beide Wege sind, zeigt eine Studie mit 1.407 Schülern der Klassen 5 bis 9 in Mathematik. Rund ein Fünftel war gelangweilt und hatte gute Testergebnisse, war also unterfordert. Etwa jeder Achte war gelangweilt und hatte schwache Ergebnisse, war also überfordert.8 Die Studie stammt aus der Schule. Der Gedanke passt aber auf jedes Seminar, in dem erfahrene Fachleute neben Neulingen sitzen.
Wer sich langweilt, ist entweder zu weit vorne oder zu weit hinten. Selten genau da, wo du gerade bist.
Warum du Langeweile übersiehst.
Angst macht Lärm. Sie zeigt sich in Fragen, in Rückversicherungen, in nervösem Lachen. Ärger zeigt sich in Widerspruch. Frustration zeigt sich in Seufzern und schnellen Bewegungen. Diese Gefühle fordern dich heraus, und deshalb reagierst du.
Langeweile ist höflich. Erwachsene Lerngäste haben gelernt, sich nichts anmerken zu lassen. Sie nicken. Sie schreiben mit. Sie lächeln an der richtigen Stelle. Für dich sieht das aus wie Ruhe und Konzentration.
Die Forschung hat Langeweile lange genauso behandelt. Die Längsschnittstudie von Pekrun und Kollegen schließt mit dem Satz, Langeweile sei eine wichtige, aber oft übersehene Lernemotion.6 Deshalb ist sie gefährlich. Nicht weil sie häufiger wäre als Angst. Sondern weil sie leise ist und weil du sie unterschätzt.
Daraus folgt eine Frage an deine eigene Wahrnehmung. Wenn du nach einem Seminartag sagst „Die Gruppe war ruhig“, frag dich: Ruhig wie konzentriert oder ruhig wie abwesend?
Ein Gegenstück lohnt den Blick: Frustration. Sie ist unangenehm, aber aktivierend. In der zweiten Metaanalyse hing Frustration praktisch nicht mit der Leistung zusammen, die Korrelation lag nahe null.5 Diese Schätzung beruht auf wenigen Studien. Sie passt aber zu dem, was du im Lernprojekt erlebst: Frustration in einem sicheren Rahmen treibt Menschen an, eine Lösung zu finden. Langeweile treibt sie nirgendwohin.
Langeweile in der Dramaturgie.
In der Emotionalen Didaktik ist dieser Gedanke fest eingebaut. Das Modell plant für jeden Schritt, welches Gefühl die Lerngäste mitbringen, welches du auslöst und welches das Lernen dort zerstört. Langeweile steht an zwei Stellen.
In Schritt 2, Öffnen, bringen deine Lerngäste Routine, Pflichtgefühl und Ungeduld mit. Du löst Neugier aus. Was das Lernen hier zerstört, sind Langeweile, Gleichgültigkeit und Überreizung. Routine und Pflichtgefühl sind der direkte Vorläufer von Langeweile. Wer kommt, weil er muss, prüft in den ersten Minuten, ob es sich lohnt. Diese Prüfung entscheidet über den Wert. Überreizung steht daneben, weil der Ausweg aus der Langeweile nicht die Show ist. Ein Einstieg mit zu vielen Effekten überfordert und kippt auf der anderen Seite.
In Schritt 5, Verstehen, bringen deine Lerngäste Unklarheit, Wissbegier und Erwartung mit. Du löst Klarheit aus. Was das Lernen hier zerstört, sind Überflutung, Enttäuschung und Abschalten. Abschalten ist die Langeweile der Theoriephase. Sie entsteht genau auf den zwei Wegen der Kontroll-Wert-Theorie: Überflutung führt zu Überforderung, Enttäuschung zu fehlendem Wert.
Der Mittelring zeigt die Gegenrichtung. Neugier und Anstrengung sind aktivierende Zustände. Für deinen Seminartag folgt daraus: Plane jede Phase so, dass sie deine Lerngäste in Bewegung bringt, gedanklich oder körperlich. Eine Phase ohne Aktivierung ist eine Einladung an die Langeweile.
Die Gegenposition.
Der Titel dieses Beitrags ist eine Zuspitzung. Zwei Einwände gehören dazu.
Erstens: Angst ist nicht harmlos. Eine Metaanalyse über 238 Studien zur Prüfungsangst zeigt einen kleinen bis mittleren negativen Zusammenhang mit Leistungen in Tests, Aufnahmeprüfungen und Noten.9 In der zweiten Metaanalyse oben hing Ärger sogar enger mit schlechteren Leistungen zusammen als Langeweile, mit minus 0,35.5 Angst bindet außerdem Aufmerksamkeit und macht Lernen anstrengender.10 Wer Angst im Seminarraum unterschätzt, macht denselben Fehler in die andere Richtung. Die Aussage dieses Beitrags lautet deshalb nicht: Angst ist egal. Sie lautet: Angst bemerkst du, Langeweile nicht.
Zweitens: Langeweile kann auch nützen. Sandi Mann und Rebekah Cadman ließen erwachsene Versuchspersonen eine Viertelstunde lang Telefonnummern aus einem Telefonbuch abschreiben oder vorlesen. Danach sollten sie zum Beispiel möglichst viele Verwendungen für zwei Styroporbecher finden. Die gelangweilten Gruppen fanden mehr Ideen als die Kontrollgruppe. Die Autorinnen vermuten Tagträumen als Brücke.11 Langeweile ist ein Signal, dass etwas nicht passt. Dieses Signal kann zu Neuorientierung führen.
Für den Seminarraum hat das Grenzen. Die Studie arbeitete mit kurzen Aufgaben und kleinen Gruppen, und gemessen wurde Einfallsreichtum, nicht Lernen. Wenn du im Seminar eine kreative Pause willst, plane sie als Pause. Eine Stunde Folienvortrag ist keine Kreativtechnik.
Was du morgen änderst.
Langeweile lässt sich nicht verbieten. Aber du kannst sie früher erkennen und ihre Ursachen angehen.
- Zeichen lesen. Achte auf Blicke, die zum Fenster gehen, auf Mitschriften, die zu Kritzeleien werden, auf Fragen, die ausbleiben, auf Nicken ohne Nachfrage. Einzeln sagen diese Zeichen wenig. Zusammen sind sie eine Auskunft.
- Die Gruppe fragen, ohne sie bloßzustellen. Bitte um eine Zahl von eins bis fünf: Wie sehr bringt dich das gerade weiter? Anonym auf Karten oder mit Handzeichen bei geschlossenen Augen. Die Antwort trennt Unterforderte von Überforderten.
- Den Wert sichtbar machen. Beginne jeden Block mit einer Frage aus dem Alltag deiner Lerngäste, nicht mit einer Definition. Lass sie kurz notieren, wo ihnen das Thema zuletzt begegnet ist. Wert entsteht durch Bezug, nicht durch Behauptung.
- Kontrolle zurückgeben. Biete bei Aufgaben zwei Schwierigkeitsstufen an und lass die Lerngäste wählen. Erfahrene greifen zur schweren Variante, Neulinge zur leichten. Beide bleiben im Spiel.
- Tempo und Anspruch anpassen. Teile Theorie in kurze Abschnitte und schalte dazwischen eine Aufgabe, ein Gespräch zu zweit, einen Ortswechsel. Wenn du merkst, dass die Gruppe abschaltet, kürze den Block, statt ihn durchzuziehen.
- Frustration zulassen. Ersetze nicht jede Langeweile durch Spaß. Ersetze sie durch eine Aufgabe, an der man sich reiben kann. Das aktiviert, und es bleibt.
Wie du am Anfang Neugier auslöst statt Pflichtgefühl, beschreibt der Beitrag „Neugier ist ein Zustand, kein Charakterzug“.
Langeweile ist das Gefühl, das Schritt 2 zerstört und das in Schritt 5 als Abschalten zurückkommt. Was du dort im Einzelnen tust, steht auf der Methodenseite.
- Pekrun, Reinhard; Goetz, Thomas; Titz, Wolfram; Perry, Raymond P.: Academic emotions in students‘ self-regulated learning and achievement. A program of qualitative and quantitative research. In: Educational Psychologist, Band 37, Heft 2, 2002, Seite 91 bis 105. Zurück zum Text
- Pekrun, Reinhard: The control-value theory of achievement emotions. Assumptions, corollaries, and implications for educational research and practice. In: Educational Psychology Review, Band 18, Heft 4, 2006, Seite 315 bis 341. Zurück zum Text
- Pekrun, Reinhard; Goetz, Thomas; Daniels, Lia M.; Stupnisky, Robert H.; Perry, Raymond P.: Boredom in achievement settings. Exploring control-value antecedents and performance outcomes of a neglected emotion. In: Journal of Educational Psychology, Band 102, Heft 3, 2010, Seite 531 bis 549. Zurück zum Text
- Tze, Virginia M. C.; Daniels, Lia M.; Klassen, Robert M.: Evaluating the relationship between boredom and academic outcomes. A meta-analysis. In: Educational Psychology Review, Band 28, Heft 1, 2016, Seite 119 bis 144. Zurück zum Text
- Camacho-Morles, Jesús; Slemp, Gavin R.; Pekrun, Reinhard; Loderer, Kristina; Hou, Hanchao; Oades, Lindsay G.: Activity achievement emotions and academic performance. A meta-analysis. In: Educational Psychology Review, Band 33, Heft 3, 2021, Seite 1051 bis 1095. Zurück zum Text
- Pekrun, Reinhard; Hall, Nathan C.; Goetz, Thomas; Perry, Raymond P.: Boredom and academic achievement. Testing a model of reciprocal causation. In: Journal of Educational Psychology, Band 106, Heft 3, 2014, Seite 696 bis 710. Zurück zum Text
- Pekrun, Reinhard; Goetz, Thomas: Boredom. A control-value theory approach. In: Bieleke, Maik; Wolff, Wanja; Martarelli, Corinna (Hrsg.): The Routledge International Handbook of Boredom. Routledge, London 2024, Seite 74 bis 89. Zurück zum Text
- Schwartze, Manuel M.; Frenzel, Anne C.; Goetz, Thomas; Lohbeck, Annette; Bednorz, David; Kleine, Michael; Pekrun, Reinhard: Boredom due to being over- or under-challenged in mathematics. A latent profile analysis. In: British Journal of Educational Psychology, Band 94, Heft 3, 2024, Seite 947 bis 958. Zurück zum Text
- von der Embse, Nathaniel; Jester, Dane; Roy, Devlina; Post, James: Test anxiety effects, predictors, and correlates. A 30-year meta-analytic review. In: Journal of Affective Disorders, Band 227, 2018, Seite 483 bis 493. Zurück zum Text
- Eysenck, Michael W.; Derakshan, Nazanin; Santos, Rita; Calvo, Manuel G.: Anxiety and cognitive performance. Attentional control theory. In: Emotion, Band 7, Heft 2, 2007, Seite 336 bis 353. Zurück zum Text
- Mann, Sandi; Cadman, Rebekah: Does being bored make us more creative? In: Creativity Research Journal, Band 26, Heft 2, 2014, Seite 165 bis 173. Zurück zum Text
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