Der Wirkraum. Warum der Raum mitentscheidet, ob jemand mitmacht.
Vorgelesen von Clara Blum. Der Text stammt von Michael Kobbeloer.
- Der Raum ist kein Behälter für dein Seminar. Er wirkt, bevor du ein Wort gesagt hast.
- Der Gedanke stammt aus der Reggio-Pädagogik. Dort heißt der Raum der dritte Erzieher.
- Die Forschung stammt vor allem aus Schulen. Sie zeigt: Die Raumgestaltung erklärt einen messbaren Teil des Lernerfolgs, und die beste Sitzordnung hängt von der Aufgabe ab.
- Ein Wirkraum leistet zwei Dinge zugleich. Er gibt Sicherheit und fordert zum Mitmachen auf.
- Sechs Dinge kannst du morgen ändern, ohne einen Euro auszugeben.
Der Raum spricht, bevor du es tust.
Stell dir zwei Räume vor. Im ersten stehen Stühle in Reihen, vorne ein Pult, an der Wand eine Leinwand. Im zweiten stehen zwei Stehtische mit Material, an der Wand hängt ein leeres Chart, Stühle gibt es nur an der Seite. Beide Räume sind leer. Beide haben schon eine Ansage gemacht.
Der erste sagt: Setz dich, hör zu, warte ab. Der zweite sagt: Steh auf, greif zu, mach mit. Das passiert, bevor du guten Morgen gesagt hast. Und es passiert unabhängig davon, was du dir für den Tag vorgenommen hast.
Deshalb steht das Gestalten des Raums in der Emotionalen Didaktik als erster Schritt. Nicht als Vorbereitung vor dem Lernen, sondern als Teil davon.
Der Raum wirkt immer. Die Frage ist nur, in welche Richtung.
Woher der Gedanke kommt.
Der Gedanke stammt nicht aus der Erwachsenenbildung. Er kommt aus Reggio Emilia in Norditalien. Dort bauten Eltern nach dem Zweiten Weltkrieg eigene Kindergärten auf, und Loris Malaguzzi prägte über Jahrzehnte ihre Pädagogik. Aus diesem Umfeld stammt der Satz, der heute in der Erzieherausbildung oft fällt: Der Raum ist der dritte Erzieher.1 Von Malaguzzi selbst ist er in dieser Form nicht überliefert. Aufgeschrieben hat ihn Lella Gandini, die die Arbeit in Reggio über Jahrzehnte begleitet und dokumentiert hat. Neben den Erwachsenen und der Gruppe wirkt der Raum als eigene Kraft. Er zeigt, was erlaubt ist, was zur Verfügung steht und wer hier wichtig ist.
In Reggio folgt daraus eine konkrete Praxis. Material steht auf Augenhöhe der Kinder. Es gibt Plätze für zwei und Plätze für zehn. An den Wänden hängen Arbeiten der Kinder, keine Dekoration von Erwachsenen.
Einen Begriff für das, was dort passiert, hat Kurt Lewin schon 1926 geliefert: Aufforderungscharakter.2 Dinge fordern uns zu etwas auf. Ein Stuhl zum Sitzen, ein Stift zum Schreiben. Lewin hat dabei etwas betont, das oft verloren geht. Ein Briefkasten fordert dich nur dann auf, wenn du einen Brief in der Tasche hast. Was ein Ding von dir will, hängt davon ab, was du gerade brauchst.
Für deinen Seminarraum heißt das zweierlei. Deine Möblierung erteilt Aufträge, den ganzen Tag, auch während du etwas anderes sagst. Und welche Aufträge ankommen, hängt davon ab, womit deine Lerngäste den Raum betreten. Wer angespannt hereinkommt, sieht zuerst den Platz in der letzten Reihe.
Das erklärt eine Szene, die du kennst. Du kündigst eine Gruppenarbeit an, alle nicken, und dann passiert erst einmal nichts. Die Leute bleiben sitzen. Nicht aus Widerstand. Der Raum hat ihnen gerade eine andere Anweisung gegeben als du.

Was die Forschung zeigt und was nicht.
Die größte Studie zum Thema stammt aus England. Peter Barrett und sein Team haben 153 Klassenzimmer in 27 Grundschulen vermessen und den Lernfortschritt von über 3.700 Kindern über ein Schuljahr verfolgt. Ergebnis: Die Gestaltung der Räume erklärt rund 16 Prozent der Unterschiede im Lernfortschritt.3 Dazu gehören Licht, Luft und Temperatur, aber auch, wie flexibel der Raum ist und wie sehr die Kinder ihn als ihren eigenen erleben.
Sechzehn Prozent sind viel für einen Faktor, über den in der Planung kaum jemand spricht. Die Studie zeigt aber Zusammenhänge, keine Ursachen. Und sie handelt von Kindern über ein ganzes Jahr, nicht von Erwachsenen an einem Seminartag.
Bei der Sitzordnung lohnt sich ein genauer Blick, denn hier widerspricht die Forschung einer beliebten Regel. Reihen sind nicht per se schlecht. Eine Übersicht über acht Studien zur Sitzordnung zeigt: Für konzentrierte Einzelarbeit bringen Reihen mehr Arbeit an der Aufgabe, am meisten bei unruhigen Schülern. Für Austausch und Diskussion empfehlen die Autorinnen Gruppentische und Halbkreise.4 Die Ordnung folgt also der Aufgabe, nicht einer Haltung.
Auch mehr ist nicht automatisch besser. In einer kleinen Studie mit 24 Kindergartenkindern lenkten üppig dekorierte Wände ab. Die Kinder schauten öfter weg und lernten weniger als im schlichten Raum.5 Ein Wirkraum ist kein voll behängter Raum. Er ist ein Raum, in dem jedes Ding einen Zweck hat.
Ehrlich gesagt: Zu Seminarräumen für Erwachsene gibt es kaum Forschung. Was wir wissen, stammt fast ganz aus Schulen. Die Richtung ist trotzdem klar, und sie deckt sich mit dem, was du in jedem Seminar beobachten kannst.
Warum der Raum Schritt 1 ist.
Malcolm Knowles hat die Erwachsenenbildung in den USA geprägt. In seinem Ablauf für Lernprozesse steht ganz vorne ein Schritt, den viele überspringen: das Klima herstellen.6 Bevor Ziele, Inhalte und Methoden kommen, klärst du, in welcher Atmosphäre gelernt wird. Knowles meint damit zwei Dinge. Das physische Klima, also Raum, Licht, Sitzordnung und Material. Und das psychologische Klima, also Respekt, Vertrauen und gegenseitige Unterstützung.
Die Emotionale Didaktik fragt an dieser Stelle nach Gefühlen. Deine Lerngäste bringen in Schritt 1 Skepsis, Anspannung und Fremdheit mit. Deine Aufgabe ist, Sicherheit auszulösen. Was das Lernen hier zerstört, sind Angst, Misstrauen und Widerwille. Wer diesen Schritt auslässt, holt ihn später nicht nach. Er bezahlt ihn den ganzen Tag.
Warum Sicherheit so viel entscheidet, hat Amy Edmondson gezeigt. Sie untersuchte 51 Arbeitsteams in einem Industrieunternehmen. Teams mit hoher psychologischer Sicherheit zeigten mehr Lernverhalten.7 Psychologische Sicherheit heißt bei ihr: Die Gruppe teilt die Überzeugung, dass es hier sicher ist, etwas zu wagen, ohne bloßgestellt zu werden. Lernverhalten heißt: Fragen stellen, um Hilfe bitten, Fehler ansprechen, etwas ausprobieren. Genau das brauchst du im Seminar.
Edmondson hat Arbeitsteams untersucht, keine Seminargruppen. Für einen Seminartag ist das nicht geprüft. Die Erfahrung aus der Praxis spricht dafür, dass derselbe Mechanismus in kürzerer Zeit wirkt: Deine Lerngäste entscheiden früh, ob dieser Raum sicher genug ist, um etwas zu wagen.
Was Unsicherheit mit dem Denken macht.
Wer sich in einem Raum unsicher fühlt, ist nicht unaufmerksam. Er ist aufmerksam, nur auf etwas anderes. Die Angstforschung beschreibt das so: Angst lenkt die Aufmerksamkeit auf Bedrohungsreize und auf eigene Sorgen. Die Steuerung der Aufmerksamkeit leidet, und das trifft Aufgaben am meisten, die das Arbeitsgedächtnis fordern.8
Im Seminarraum ist die Bedrohung selten groß. Es sind Kleinigkeiten. Wo sitze ich? Sieht mich jeder von hinten? Muss ich gleich etwas sagen? Weiß ich, was als Nächstes passiert? Steht mein Name irgendwo, oder bin ich Nummer sieben? Jede offene Frage dieser Art kostet Aufmerksamkeit, die deinem Thema fehlt.
Das heißt nicht, dass jede Anspannung schadet. Ein wenig Nervosität vor einer neuen Aufgabe gehört dazu und treibt an. Schädlich wird es, wenn deine Lerngäste ihre Kraft für Selbstschutz brauchen statt für die Aufgabe. Ein Wirkraum nimmt ihnen diese Fragen ab, bevor sie entstehen.
Was du morgen änderst.
Für die Praxis nutzen wir drei Fragen. Sie heißen das WWW-Prinzip und passen auf jeden Raum, in dem du arbeiten wirst.
| Wahrnehmen | Wird jeder gesehen? Steht ein Name da? Kennst du nach der ersten halben Stunde jede Person mit Namen? Gibt es einen Platz, an dem jemand ankommen kann, ohne sofort auf einer Bühne zu stehen? |
| Wohlfühlen | Licht, Luft, Temperatur, Getränke, Wege. Weiß jeder, wo die Toilette ist und wann Pause ist? Das klingt banal. Ungeklärte Grundbedürfnisse binden Aufmerksamkeit, die du für dein Thema brauchst. |
| Wertschätzen | Sagt der Raum, dass hier jemand Mühe investiert hat? Liegt Material bereit, das für diese Gruppe gedacht ist? Oder ist es der Standardaufbau, den das Haus für jede Veranstaltung stellt? |
Daraus folgen sechs Handgriffe für morgen.
- Stühle raus, die niemand braucht. Ein leerer Stuhl in einer Runde ist eine Lücke, die alle sehen. Zähl vorher und stell nur so viele hin, wie Menschen kommen.
- Material sichtbar auslegen, bevor jemand da ist. Karten, Stifte, Klebeband auf dem Tisch. Das ist die kürzeste Ansage, dass hier gearbeitet wird.
- Eine Beschäftigung für die ersten Minuten. Eine Frage am Flipchart, die jeder im Vorbeigehen beantwortet. Wer ankommt, hat sofort etwas zu tun und muss nicht warten.
- Namensschilder mit Rückseite. Vorne der Name, hinten drei eigene Ziele für den Tag. Du kennst die Erwartungen, ohne danach fragen zu müssen.
- Den Ablauf sichtbar aufhängen. Nicht als Folie, sondern als Blatt an der Wand, das den ganzen Tag hängen bleibt. Orientierung nimmt Anspannung heraus.
- Zwischen den Phasen umbauen. Für Einzelarbeit Tische nebeneinander, für Austausch Inseln, für die Auswertung den Kreis. Lass deine Lerngäste mit anfassen. Fünf Minuten Umbau sind auch ein Signal: Jetzt beginnt etwas Neues.
Nichts davon kostet Geld. Alles davon kostet Zeit vor Seminarbeginn. Das ist der Grund, warum es so oft nicht passiert.
Was ein Wirkraum nicht ist.
Ein Wirkraum ist keine Wohlfühlzone. Das Ziel ist nicht, dass alle es gemütlich haben. Das Ziel ist, dass niemand Kraft für Selbstschutz aufwenden muss und deshalb Kraft für die Aufgabe frei hat.
Deshalb gehört Anstrengung ausdrücklich dazu. Im Lernprojekt sollen deine Lerngäste ins Stocken geraten. Sie sollen ratlos sein, frustriert, ehrgeizig. Das geht nur, wenn der Rahmen sicher genug ist, dass Frustration antreibt und nicht in Rückzug kippt. Wo genau diese Grenze liegt, beschreibt der Beitrag „Anstrengung fühlt sich falsch an und wirkt trotzdem“.
Ein Raum, der nur Sicherheit gibt, ist ein Wartezimmer. Ein Raum, der nur fordert, ist ein Prüfungssaal. Ein Wirkraum schafft beides zugleich.
Sicherheit ist nicht das Gegenteil von Anstrengung. Sie ist ihre Bedingung.
Der Wirkraum ist Schritt 1 von sechs. Was danach kommt, steht auf der Methodenseite.
- Gandini, Lella: Educational and Caring Spaces. In: Edwards, Carolyn; Gandini, Lella; Forman, George (Hrsg.): The Hundred Languages of Children. The Reggio Emilia Approach to Early Childhood Education. Ablex, Norwood 1993. Gandini bezeichnet dort den Raum als „third educator“ neben den beiden Erzieherinnen einer Gruppe. Zur Geschichte von Reggio Emilia: Malaguzzi, Loris: History, Ideas, and Basic Philosophy. Interview mit Lella Gandini, im selben Band. Zurück zum Text
- Lewin, Kurt: Vorsatz, Wille und Bedürfnis. Mit Vorbemerkungen über die psychischen Kräfte und Energien und die Struktur der Seele. In: Psychologische Forschung, Band 7, 1926, Seite 330 bis 385. Das Beispiel des Briefkastens steht im Abschnitt über die Vorsatzhandlung. Zurück zum Text
- Barrett, Peter; Davies, Fay; Zhang, Yufan; Barrett, Lucinda: The impact of classroom design on pupils‘ learning. Final results of a holistic, multi-level analysis. In: Building and Environment, Band 89, 2015, Seite 118 bis 133. Zurück zum Text
- Wannarka, Rachel; Ruhl, Kathy: Seating arrangements that promote positive academic and behavioural outcomes. A review of empirical research. In: Support for Learning, Band 23, Heft 2, 2008, Seite 89 bis 93. Zurück zum Text
- Fisher, Anna V.; Godwin, Karrie E.; Seltman, Howard: Visual environment, attention allocation, and learning in young children. When too much of a good thing may be bad. In: Psychological Science, Band 25, Heft 7, 2014, Seite 1362 bis 1370. Zurück zum Text
- Knowles, Malcolm S.: The Modern Practice of Adult Education. From Pedagogy to Andragogy. Überarbeitete Ausgabe. Cambridge, The Adult Education Company, Englewood Cliffs 1980. Zurück zum Text
- Edmondson, Amy C.: Psychological Safety and Learning Behavior in Work Teams. In: Administrative Science Quarterly, Band 44, Heft 2, 1999, Seite 350 bis 383. Zurück zum Text
- Eysenck, Michael W.; Derakshan, Nazanin; Santos, Rita; Calvo, Manuel G.: Anxiety and cognitive performance. Attentional control theory. In: Emotion, Band 7, Heft 2, 2007, Seite 336 bis 353. Zurück zum Text
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Vorgelesen von Clara Blum. Der Text stammt von Michael Kobbeloer.
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