Anstrengung fühlt sich falsch an und wirkt trotzdem.
Vorgelesen von Clara Blum. Der Text stammt von Michael Kobbeloer.
- Robert Bjork unterscheidet zwischen der Leistung während des Lernens und dem, was dauerhaft bleibt. Beides läuft oft auseinander.
- Wünschenswerte Erschwernisse wie Abrufen, Mischen und Verteilen senken die Leistung im Moment und verbessern das Behalten.
- Lernende halten das leichte Lernen für das bessere. Studien mit Studierenden zeigen das immer wieder.
- In einem Physikkurs fühlten sich aktive Lernformen nach weniger Lernen an und brachten mehr. Ein Feedbackbogen am Seminarende misst deshalb etwas anderes, als du denkst.
- Erschwernisse wirken nur, wenn deine Lerngäste sie bewältigen können. Bei Neulingen und komplexem Stoff können sie schaden.
Zwei Gruppen, zwei Feedbackbögen.
Stell dir zwei Gruppen mit demselben Thema vor. In der ersten erklärst du klar und ruhig. Du zeigst ein Beispiel, dann ein zweites vom selben Typ, dann ein drittes. Jeder Schritt sitzt. Am Ende fasst du alles noch einmal zusammen, und die Gruppe nickt. Auf den Feedbackbögen steht: sehr verständlich, gut strukturiert.
In der zweiten Gruppe beginnst du mit einer Aufgabe, bevor du erklärst. Die Übungsfälle kommen gemischt, kein Fall gleicht dem vorherigen. Am Ende eines Blocks bittest du alle, ohne Unterlagen aufzuschreiben, was sie behalten haben. Einige stöhnen. Auf den Feedbackbögen steht: anstrengend, etwas durcheinander.
Vier Wochen später: Welche Gruppe kann mehr? Die Forschung spricht für die zweite. Der Feedbackbogen spricht für die erste. Beide messen etwas Echtes. Nur nicht dasselbe.
Leistung im Moment ist nicht Lernen.
Robert Bjork, Gedächtnisforscher an der University of California in Los Angeles, hat 1994 einen Aufsatz über die Ausbildung von Menschen geschrieben.1 Sein Befund: Trainer beurteilen ihre Methoden danach, wie gut die Lernenden während des Trainings abschneiden. Lernende tun dasselbe. Schneller Fortschritt beruhigt, auch wenn dabei wenig Lernen stattfindet. Beide verlassen sich auf ein unzuverlässiges Signal.
Elizabeth Bjork und Robert Bjork haben den Gedanken 2011 zugespitzt.2 Leistung ist das, was du während des Übens beobachten kannst. Lernen ist die dauerhafte Veränderung in Wissen und Verstehen, und die kannst du nicht direkt sehen. Du musst sie erschließen. Die momentane Leistung, schreiben die beiden, ist oft ein schlechter Hinweis darauf, ob Lernen stattgefunden hat.
Daraus stammt der Begriff der wünschenswerten Erschwernisse. Gemeint sind Bedingungen, die das Lernen im Moment schwerer machen und das Behalten verbessern. Dazu zählen die Bjorks: Inhalte verteilt statt am Stück üben, verschiedene Themen mischen, Übungsbedingungen variieren und Tests als Lerngelegenheit nutzen. Sie sind wünschenswert, weil sie genau die Prozesse anstoßen, die Wissen im Gedächtnis verankern und wieder abrufbar machen.
Wie leicht sich Lernen anfühlt, sagt wenig darüber, wie viel davon bleibt.

Abrufen schlägt Wiederlesen.
Henry Roediger und Jeffrey Karpicke ließen 2006 Studierende kurze Sachtexte lernen, einen über die Sonne, einen über Seeotter.3 Die eine Gruppe las den Text viermal. Eine andere las ihn einmal und schrieb danach dreimal auf, was sie noch wusste, ohne Rückmeldung.
Nach fünf Minuten lag die Lesegruppe vorne. Sie erinnerte 83 Prozent der Inhalte, die Abrufgruppe 71 Prozent. Nach einer Woche hatte sich das Bild umgedreht. Die Lesegruppe erinnerte noch 40 Prozent, die Abrufgruppe 61 Prozent.
Aufschlussreich ist, was die Studierenden selbst erwarteten. Gefragt, wie gut sie sich in einer Woche erinnern würden, gab die Lesegruppe die höchste Einschätzung ab. Die Gruppe, die später am meisten vergaß, fühlte sich am sichersten. Wiederlesen erzeugt ein Gefühl von Vertrautheit. Vertrautheit fühlt sich an wie Können.
Mischen statt Blöcke.
Nate Kornell und Robert Bjork ließen 2008 Studierende die Malstile von zwölf wenig bekannten Künstlern lernen.4 Zu jedem Künstler sahen sie sechs Landschaftsbilder. Die eine Hälfte der Künstler zeigten die Forscher im Block, alle Bilder eines Malers hintereinander. Die andere Hälfte gemischt, die Bilder verschiedener Maler im Wechsel. Im Test sollten die Studierenden neue Bilder dem richtigen Maler zuordnen.
Bei den gemischten Malern lagen sie in 61 Prozent der Fälle richtig, bei den geblockten in 35 Prozent. Dann fragten die Forscher, welche Form den Studierenden mehr gebracht habe. 78 Prozent hielten das Lernen im Block für mindestens genauso gut. Ebenfalls 78 Prozent hatten mit dem Mischen besser abgeschnitten.
Mischen fühlt sich unordentlich an. Du siehst ein Bild, dann ein ganz anderes, und hast das Gefühl, nichts festhalten zu können. Gerade dieses Hin und Her zwingt dazu, die Unterschiede zu sehen. Und genau die braucht man, um später ein neues Bild einzuordnen.
Aktive Lernformen fühlen sich nach weniger an.
Die deutlichste Studie zum Thema stammt aus dem Hörsaal. Louis Deslauriers und Kollegen untersuchten 2019 an der Harvard University einen Einführungskurs in Physik mit 149 Studierenden.5 In der zwölften Woche bekamen zwei Gruppen dieselben Inhalte mit denselben Unterlagen. Ein Thema hörten sie als gut gemachte Vorlesung, das andere erarbeiteten sie aktiv in kleinen Gruppen mit Anleitung. Beim anderen Thema war es umgekehrt.
Im Wissenstest schnitten die Studierenden nach den aktiven Stunden besser ab, um rund eine halbe Standardabweichung. Gleichzeitig gaben sie an, in diesen Stunden weniger gelernt zu haben. Die Vorlesung fühlte sich nach mehr an und brachte weniger.
Die Autoren erklären das vor allem mit der Flüssigkeit. Eine gute Vorlesung läuft glatt. Alles ergibt Sinn, während man zuhört. Aktives Lernen ist mühsam und wirkt stückweise. Wer neu in einem Fach ist, deutet diese Mühe als Zeichen, dass er nicht vorankommt.
Für deinen Feedbackbogen heißt das: Die Frage „Wie viel hast du heute gelernt?“ misst das Gefühl des Lernens. Und dieses Gefühl kann in die falsche Richtung zeigen. Die Autoren warnen selbst, dass Bewertungen durch Studierende passive Lehre bevorzugen können.
Die Studie zeigt auch, was hilft. In einem späteren Kurs erklärte der Dozent zu Semesterbeginn in rund 20 Minuten, warum aktives Lernen sich schwerer anfühlt und trotzdem mehr bringt. Am Semesterende gaben über 65 Prozent der Studierenden an, dass sich ihre Haltung zum aktiven Lernen deutlich verbessert habe. Das ist eine Selbstauskunft ohne Vergleichsgruppe. Aber sie zeigt eine Richtung.
Anstrengung ist Schritt 3.
In der Emotionalen Didaktik ist Anstrengung das Gefühl, das du in Schritt 3 auslöst, im Lernprojekt. Deine Lerngäste bringen Zurückhaltung, Zögern und Nervosität mit. Du löst Anstrengung aus. Was das Lernen hier zerstört, sind Überforderung, Resignation und Sinnlosigkeit.
Anstrengung steht bewusst in der Mitte des Bogens, nach Sicherheit und Neugier. Ohne die ersten beiden kippt sie. Wer sich nicht sicher fühlt, erlebt Mühe als Bedrohung. Wer keine Frage hat, erlebt sie als sinnlos. Mit beiden im Rücken wird Mühe zu dem, was sie sein soll: Arbeit an etwas, das man wirklich können will.
Für deinen Seminartag folgt daraus: Plane die Mühe ein und kündige sie an. Wenn du sie vermeidest, bekommst du gute Bögen und wenig Wirkung. Wenn du sie nicht erklärst, deuten deine Lerngäste sie als Zeichen, dass etwas schiefläuft.
Eine besondere Form der Anstrengung beschreibt der Beitrag „Erst scheitern, dann verstehen“: Lernende, die vor der Erklärung an einem Problem hängen bleiben, verstehen danach oft tiefer.
Die Gegenposition.
Erschwernisse sind nicht an sich gut. Die Bjorks schreiben selbst: Eine Erschwernis ist nur dann wünschenswert, wenn die Lernenden sie bewältigen können. Fehlen ihnen dafür Vorwissen oder Fähigkeiten, wird sie unerwünscht.2 Der Name sagt es: wünschenswerte Erschwernisse. Nicht jede Erschwernis ist wünschenswert.
Forscher aus der Theorie der kognitiven Belastung gehen weiter. Ouhao Chen, John Sweller und Kollegen argumentieren, dass Erschwernisse bei komplexem Stoff schaden können.6 Komplex heißt hier: Lernende müssen viele Elemente gleichzeitig im Kopf behalten und aufeinander beziehen. Dann ist das Arbeitsgedächtnis schon ausgelastet, und jede zusätzliche Hürde nimmt dem Lernen Kapazität weg. Das trifft vor allem Neulinge, denen das Vorwissen fehlt, um Elemente zu bündeln.
Nicht jede Mühe ist lernwirksam. Ein unklarer Arbeitsauftrag, eine unlesbare Folie, die Suche nach dem richtigen Raum: Das ist anstrengend, und gelernt wird dabei nichts. Wünschenswert ist eine Erschwernis nur, wenn sie genau das Denken verlangt, um das es geht. Wie du Aufträge so formulierst, dass die Mühe in der Sache liegt und nicht im Verstehen der Aufgabe, steht im Praxistipp „Aufträge so formulieren, dass niemand nachfragen muss“.
Und die Studien haben Grenzen. Die Versuchspersonen waren fast immer Studierende, das Material Sachtexte, Bilder oder eine Physikvorlesung. Die Tests kamen nach Minuten, Tagen oder Wochen. Seminare mit Berufstätigen sind kaum untersucht. Dass sich das Muster über sehr verschiedene Aufgaben wiederholt, spricht dafür, dass es auch dort gilt. Gemessen ist es dort nicht.
Was du morgen änderst.
- Das Gefühl ankündigen. Sag vor dem Lernprojekt, was kommt: „Das wird sich gleich zäh anfühlen. Das ist kein Zeichen, dass du etwas falsch machst. Es ist ein Zeichen, dass du gerade lernst.“ Eine fertige Methode dafür ist der emotionale Beipackzettel im Beitrag „5 Methoden für den Emotionscanner®“.
- Erklären, warum es sich schwer anfühlt. Drei Minuten reichen. Erzähl von der Studie mit den Sachtexten: viermal lesen fühlt sich sicher an, dreimal abrufen hält länger. Wer den Mechanismus kennt, deutet die eigene Mühe anders.
- Abrufen statt Wiederholen. Statt am Ende eines Blocks selbst zusammenzufassen: „Schreib in drei Minuten auf, was du aus diesem Block behalten hast. Ohne Unterlagen. Dann vergleicht zu zweit.“ Die Lücken, die dabei auftauchen, sind kein Misserfolg. Sie sind die Stellen, an denen gerade gelernt wird.
- Die Zwischenfrage am nächsten Morgen. Beginne den zweiten Tag mit drei Fragen zum ersten. Keine Folie, keine Wiederholung durch dich. Erst versucht jeder allein, dann klärt ihr gemeinsam.
- Übungsfälle mischen. Statt fünf gleichartige Fälle hintereinander gibst du Fälle verschiedener Typen im Wechsel. Die erste Frage lautet dann nicht mehr „Wie löse ich das?“, sondern „Was für ein Fall ist das?“ Genau diese Frage stellt der Alltag.
- Den Feedbackbogen anders lesen. Ein niedrigerer Wert nach einem fordernden Tag ist kein Urteil über die Wirkung. Ergänze eine Frage wie: „Was war heute anstrengend, und hat es sich gelohnt?“ Und frag nach einigen Wochen nach, was deine Lerngäste angewendet haben.
- Die Grenze im Blick behalten. Anstrengung zeigt sich in Stirnrunzeln, Nachfragen, Diskussion. Überforderung zeigt sich, wenn Menschen aufhören zu fragen, sich zurücklehnen oder anfangen, über etwas anderes zu reden. Dann hilfst du mit einem Hinweis oder einem Zwischenschritt, nicht mit der fertigen Lösung.
Gute Bögen und gute Wirkung sind zwei verschiedene Ziele. Entscheide, für welches du planst.
Anstrengung gehört zu Schritt 3 von sechs, dem Lernprojekt. Was davor und danach kommt, steht auf der Methodenseite.
- Bjork, Robert A.: Memory and Metamemory Considerations in the Training of Human Beings. In: Metcalfe, Janet; Shimamura, Arthur P. (Hrsg.): Metacognition. Knowing about Knowing. MIT Press, Cambridge (Massachusetts) 1994, Seite 185 bis 205. Zurück zum Text
- Bjork, Elizabeth L.; Bjork, Robert A.: Making Things Hard on Yourself, But in a Good Way. Creating Desirable Difficulties to Enhance Learning. In: Gernsbacher, Morton Ann; Pew, Richard W.; Hough, Leaetta M.; Pomerantz, James R. (Hrsg.): Psychology and the Real World. Essays Illustrating Fundamental Contributions to Society. Worth Publishers, New York 2011, Seite 56 bis 64. Zurück zum Text
- Roediger, Henry L.; Karpicke, Jeffrey D.: Test-Enhanced Learning. Taking Memory Tests Improves Long-Term Retention. In: Psychological Science, Band 17, Heft 3, 2006, Seite 249 bis 255. Zurück zum Text
- Kornell, Nate; Bjork, Robert A.: Learning Concepts and Categories. Is Spacing the „Enemy of Induction“? In: Psychological Science, Band 19, Heft 6, 2008, Seite 585 bis 592. Zurück zum Text
- Deslauriers, Louis; McCarty, Logan S.; Miller, Kelly; Callaghan, Kristina; Kestin, Greg: Measuring Actual Learning versus Feeling of Learning in Response to Being Actively Engaged in the Classroom. In: Proceedings of the National Academy of Sciences (PNAS), Band 116, Heft 39, 2019, Seite 19251 bis 19257. Zurück zum Text
- Chen, Ouhao; Castro-Alonso, Juan C.; Paas, Fred; Sweller, John: Undesirable Difficulty Effects in the Learning of High-Element Interactivity Materials. In: Frontiers in Psychology, Band 9, 2018, Artikel 1483. Zurück zum Text
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