Die Frage nach dem Gefühl stellen, ohne dass es peinlich wird
Vorgelesen von Clara Blum. Der Text stammt von Michael Kobbeloer.
Frag nicht offen nach dem Gefühl einer Person, sondern biete Worte an, frag nach der Situation und lass zuerst schreiben oder zeigen, dann sprechen.
- Dauer
- 5 bis 15 Minuten
- Wann
- In der Auswertung nach dem Lernprojekt
- Material
- Emotionscanner® oder eine Liste mit Gefühlswörtern, Karten, Stifte
- Gruppe
- Jede Größe
Aufwand
Kaum Vorbereitung. Du schreibst dir die drei Formulierungen auf eine Karte, legst für jeden Lerngast einen Emotionscanner® oder eine Wortliste bereit und notierst zwei Momente aus dem Lernprojekt, nach denen du fragen willst.
Du kennst die Stille
Das Lernprojekt ist vorbei, die Gruppe sitzt im Kreis, und du fragst: „Und, wie habt ihr euch gefühlt?“ Einer sagt „gut“. Eine sagt „war interessant“. Der Rest schaut auf den Boden. Wer vor zehn Minuten noch laut geflucht hat, schweigt jetzt. Die Auswertung, auf die du hingearbeitet hast, bleibt an der Oberfläche.
Die Frage hat drei Haken. Sie ist offen, also muss jeder selbst ein Wort finden. Sie zielt auf die Person, also klingt jede Antwort wie ein Geständnis. Und sie verlangt die Antwort sofort und vor allen.
Warum die Formulierung entscheidet
In der Auswertung, Schritt 4 im Modell, bringen deine Lerngäste Unsicherheit, Verlegenheit und Vorsicht mit. Du willst Erkenntnis auslösen. Dafür brauchen sie Worte für das, was sie erlebt haben, und einen Rahmen, in dem das Aussprechen nichts kostet.
Eine Frage nach dem Gefühl ist keine Therapie. Niemand muss Persönliches offenlegen. Es geht um das Gefühl in dieser Aufgabe, an diesem Tag, in dieser Gruppe. Nicht um das Leben dahinter. Wenn du das einmal laut sagst, atmet der Raum hörbar aus.
Drei Formulierungen, die den Unterschied machen
- Ein Wort anbieten statt offen fragen. „Welches Wort auf der Karte passt zu dem Moment, als euch die Zeit ausging?“ Wer aus einer Auswahl sucht, muss nicht formulieren. Er vergleicht und entscheidet. Der Emotionscanner® liefert dafür über 600 Worte. Eine selbst geschriebene Liste mit zwanzig Worten tut es für den Anfang auch.
- Nach der Situation fragen statt nach der Person. „Wie hat sich die Gruppe in der zweiten Runde angefühlt?“ statt „Wie hast du dich gefühlt?“ Die Antwort bleibt in der Aufgabe. Jeder spricht von „wir“ oder von „da“, und das Eigene kommt trotzdem mit.
- Eine Skala oder ein Bild statt eines Satzes. „Zeig mit der Hand, wie hoch der Druck in der letzten Minute war. Tischkante heißt keiner, Kopfhöhe heißt viel.“ Eine Geste ist schnell gegeben und sagt viel. Danach fragst du: „Was hat die Hände so weit nach oben gebracht?“
Zwei Regeln gelten für alle drei. Die Antwort ist freiwillig, wer passen will, passt ohne Begründung. Und schriftlich kommt vor mündlich: Jeder notiert sein Wort erst für sich, bevor irgendwer spricht.
Wie habt ihr euch gefühlt?
Welches Wort auf der Karte passt zu dem Moment, als euer erster Plan nicht aufging?
Wie ging es dir, als du die Leitung hattest?
Wie hat sich die Gruppe in der zweiten Runde angefühlt?
Erzähl mal, was in dir vorging.
Stell dich auf die Linie am Boden. Eins heißt ruhig, zehn heißt kurz vor dem Platzen.
Jetzt sagt jeder reihum ein Gefühl.
Schreib dir ein Wort auf. Wer will, liest es nachher vor.
Ablauf
So machst du es. Sechs Schritte, zehn Minuten.
- Leg den Emotionscanner® oder die Wortliste aus, bevor die Auswertung beginnt.
- Nenn einen konkreten Moment aus dem Lernprojekt: „Denkt an die Minute, als das Seil zum ersten Mal am Boden lag.“
- Jeder sucht still ein Wort und schreibt es auf eine Karte. Eine Minute.
- Zu zweit erzählt jeder kurz, zu welchem Augenblick das Wort gehört. Zwei Minuten.
- Im Kreis nennt, wer will, sein Wort. Freiwillig, nicht reihum. Du schreibst die Worte ans Chart, ohne sie zu kommentieren.
- Erst jetzt kommt die Frage nach dem Muster: „Was fällt euch an diesen Worten auf?“ Hier entsteht die Erkenntnis.

Der Fehler, den fast alle machen
Nachbohren. Ein Lerngast sagt „frustriert“, und du fragst: „Warum warst du frustriert?“ Damit holst du die Frage zurück auf die Person, vor allen. Beim nächsten Mal sagt er „gut“.
Frag stattdessen in die Gruppe oder in die Situation: „Wer kennt das Wort aus dieser Runde auch?“ Oder: „An welcher Stelle im Projekt ist das entstanden?“ So bleibt das Gefühl beim Geschehen, und der Lerngast entscheidet selbst, wie viel er dazu sagt.
Wogegen es hilft
Scham, Abwehr, Verstummen. Die offene Frage nach dem eigenen Gefühl richtet den Blick auf die Person, und wer sich vor allen erklären muss, rechtfertigt sich oder schweigt. Worte zur Auswahl, der Blick auf die Situation und das Schreiben vor dem Sprechen nehmen diesem Moment den Druck.
Fachbeiträge und Methoden zu den Werkzeugen. Alle zwei Wochen, kein Verkauf.
Vorgelesen von Clara Blum. Der Text stammt von Michael Kobbeloer.
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