Wenn-dann-Pläne statt guter Vorsätze.
Vorgelesen von Clara Blum. Der Text stammt von Michael Kobbeloer.
- Ein Wenn-dann-Plan verknüpft eine konkrete Situation mit einer konkreten Handlung. „Wenn jemand mir widerspricht, dann frage ich zuerst nach.“
- Die Situation wird zum Auslöser. Die Handlung läuft an, ohne dass du dich im Moment neu entscheiden musst.
- Eine Metaanalyse über 94 Tests fand einen mittleren bis großen Effekt. Neuere und größere Auswertungen zeigen eine weite Spanne, in manchen Feldern ist der Effekt klein oder fehlt.
- Wenn-dann-Pläne helfen nur, wenn das Ziel gewollt ist. Gegen ein Umfeld, das blockiert, helfen sie wenig.
- Für Schritt 6 heißt das: Zuversicht entsteht aus einem konkreten ersten Schritt. Und niemand sollte mit seinem Plan allein bleiben.
Die Liste am Flipchart.
Du kennst das: Die letzte halbe Stunde des Seminars. Am Flipchart steht „Was nehme ich mit?“, und deine Lerngäste schreiben. „Besser zuhören.“ „Mehr delegieren.“ „Feedback geben.“ „Ruhiger bleiben in Konflikten.“ Alle Sätze sind richtig. Alle sind ernst gemeint. Und fast alle haben dieselbe Schwäche.
Sie sagen, was jemand will. Sie sagen nicht, wann und woran er merkt, dass es jetzt so weit ist. Am Montag danach kommt die erste Besprechung, ein Kollege widerspricht scharf, und der Vorsatz „besser zuhören“ meldet sich nicht. Er meldet sich am Abend, auf dem Heimweg, als Erinnerung daran, was du anders machen wolltest.
Ein Vorsatz beschreibt ein Ziel. Für den Alltag fehlt ihm der Moment, in dem er greifen soll.
Was ein Wenn-dann-Plan ist.
Der Psychologe Peter Gollwitzer unterscheidet zwei Arten von Absichten.1 Die Zielabsicht lautet: Ich will X erreichen. Der Wenn-dann-Plan, in der Fachsprache Implementation Intention, lautet: Wenn Situation Y eintritt, dann tue ich Z.
Der Unterschied ist klein in der Formulierung und groß in der Wirkung. Vergleiche diese beiden Sätze.
„Ich will besser zuhören.“
„Wenn jemand mir widerspricht, dann frage ich zuerst nach, bevor ich antworte.“
Der erste Satz benennt eine Richtung. Der zweite benennt einen Moment und eine Handlung. Er setzt die Zielabsicht voraus und macht sie im Alltag greifbar.
Dasselbe gilt für die anderen Sätze vom Flipchart. Aus „mehr delegieren“ wird: „Wenn mir jemand eine Frage stellt, die er selbst beantworten kann, dann frage ich zurück, was er vorschlägt.“ Aus „ruhiger bleiben in Konflikten“ wird: „Wenn ich merke, dass ich lauter werde, dann setze ich mich hin.“ Jeder dieser Sätze hat zwei Teile. Der Wenn-Teil beschreibt einen Moment, den du im Alltag wiedererkennst. Der Dann-Teil beschreibt etwas, das du sofort tun kannst, ohne Vorbereitung und ohne Erlaubnis.

Warum es wirkt.
Gollwitzer beschreibt zwei Vorgänge.1 Erstens wird die genannte Situation im Gedächtnis leichter zugänglich. Wer sich vorgenommen hat, bei Widerspruch nachzufragen, erkennt Widerspruch schneller als Gelegenheit. Zweitens läuft die Handlung an, sobald die Situation eintritt, ohne dass du neu abwägen musst. Gollwitzer spricht davon, dass die Steuerung an die Situation abgegeben wird. Die Entscheidung ist schon gefallen, als du den Plan gefasst hast.
Das ist der Kern. Im Alltag fehlt selten der gute Wille. Es fehlt der Moment, in dem du ihn abrufst, während dein Kopf mit etwas anderem beschäftigt ist. Ein Wenn-dann-Plan verlegt diese Arbeit vor die Situation.
Gollwitzer und Paschal Sheeran haben 2006 die Studien dazu in einer Metaanalyse zusammengefasst.2 Über 94 unabhängige Tests hinweg fanden sie einen Effekt von d = 0,65 auf das Erreichen von Zielen. Das gilt in der Psychologie als mittlerer bis großer Effekt. Untersucht wurden sehr verschiedene Ziele, von Gesundheitsverhalten bis zu Lernaufgaben.
2025 haben Sheeran, Listrom und Gollwitzer eine deutlich größere Auswertung mit 642 Tests vorgelegt.3 Die Effekte lagen je nach Art des Ergebnisses zwischen d = 0,27 und d = 0,66. Sie waren größer, wenn der Plan wirklich als Wenn-dann-Satz formuliert war, wenn die Menschen ihr Ziel unbedingt erreichen wollten und wenn sie den Plan innerlich wiederholt hatten.
Ein Vorsatz sagt, was du willst. Ein Wenn-dann-Plan sagt, wann du es tust.
Die Voraussetzung. Ein Ziel, das du willst.
Ein Wenn-dann-Plan ersetzt kein Ziel. Er hilft einem Ziel, das schon da ist.
Das haben Sheeran, Thomas Webb und Gollwitzer 2005 gezeigt.4 In einer Studie gaben 85 Studierende an, wie viele Stunden sie in der folgenden Woche für ihr Studium lernen wollten. Die Hälfte legte zusätzlich fest, wann und wo sie lernen würden. Eine Woche später zeigte sich: Der Plan half nur den Studierenden, deren Zielabsicht hoch war. Bei denen mit schwacher Zielabsicht hatte er keinen messbaren Effekt.
Für deinen Seminarraum ist das eine wichtige Einschränkung. Ein Lerngast, der geschickt wurde und das Thema für überflüssig hält, schreibt dir einen ordentlichen Wenn-dann-Satz auf. Er wird ihn nicht umsetzen. Der Plan ist dann ein Formular, keine Absicht. Deshalb steht der Wenn-dann-Plan am Ende des Seminars und nicht am Anfang. Die ersten fünf Schritte sorgen dafür, dass aus dem Thema ein eigenes Anliegen geworden ist.
Was daraus für Schritt 6 folgt.
Die Emotionale Didaktik ordnet den Transfer als Schritt 6 ein, Übertragen. Deine Lerngäste bringen in diesen Schritt Zweifel, Bedenken und Müdigkeit mit. Der Tag war lang, und die Frage liegt nahe, ob das alles im eigenen Alltag überhaupt geht. Deine Aufgabe ist, Zuversicht auszulösen. Was das Lernen hier zerstört, sind Ohnmacht, Entmutigung und Alleinsein.
Warum Zuversicht? Zweifel richten sich selten gegen das Ziel. Sie richten sich gegen die Umsetzung. „Besser zuhören“ klingt groß und unbestimmt, und Unbestimmtes macht müde. „Bei Widerspruch zuerst nachfragen“ ist klein und konkret. Einen solchen Schritt traust du dir zu. Ein Wenn-dann-Plan verwandelt einen Vorsatz in eine Handlung, die du dir vorstellen kannst.
Warum ist Alleinsein der Feind? Weil Transfer zu einem guten Teil außerhalb vom Kopf des Lerngasts entschieden wird. Timothy Baldwin und Kevin Ford haben schon 1988 beschrieben, dass Transfer an drei Dingen hängt: an den Lernenden, an der Gestaltung des Trainings und am Arbeitsumfeld danach.5 Die Metaanalyse von Brian Blume und Kollegen bestätigt 2010, dass ein unterstützendes Arbeitsumfeld mit besserem Transfer einhergeht.6 Wer mit seinem Plan in ein Umfeld zurückkehrt, das ihn nicht kennt, steht allein da.
Deshalb gehören zu einem Wenn-dann-Plan kollegiale Vereinbarungen. Zwei Lerngäste tauschen ihre Pläne aus und verabreden, wann sie sich nach zwei Wochen kurz fragen, wie es läuft. Oder ein Lerngast überlegt, wem im eigenen Team er den Plan erzählt. Ein Fachaufsatz zum Transfer argumentiert genau so: Kollegen und Vorgesetzte können einen Plan nur unterstützen, wenn sie ihn kennen.7 Eine erste Studie in einem Führungskräfteprogramm stützt das, allerdings mit nur 15 Personen und ohne Vergleichsgruppe.8 Für Trainings und Seminare ist die Forschungslage zu Wenn-dann-Plänen damit noch dünn.
Für deinen Seminartag folgt daraus: Du schließt nicht mit einer Liste von Vorsätzen, sondern mit wenigen konkreten Plänen, die jemand anderes kennt.
Gegenposition. Wo Wenn-dann-Pläne an ihre Grenzen stoßen.
Der Effekt aus der Metaanalyse von 2006 ist ein Durchschnitt aus vielen kleinen Studien, oft mit Studierenden und oft mit kurzer Laufzeit. Neuere Auswertungen zeichnen ein vorsichtigeres Bild.
Eine Metaanalyse zu körperlicher Bewegung fand über 26 Studien einen kleinen bis mittleren Effekt, d = 0,31 direkt nach der Maßnahme und d = 0,24 bei der späteren Nachbefragung.9 Noch deutlicher ist ein Feldexperiment mit 877 Mitgliedern eines Fitnessstudios.10 Die eine Hälfte plante, an welchen Tagen und zu welcher Uhrzeit sie in den nächsten zwei Wochen trainieren würde. Die Besuche im Studio stiegen dadurch nicht, und das Nullergebnis war eng geschätzt. Die Mitglieder fanden die Planung hilfreich. Ihr Verhalten änderte sie nicht. Die Autoren weisen darauf hin, dass Pläne bei einmaligen Handlungen wie einer Impfung besser wirken als bei Gewohnheiten, die immer wieder neu gelebt werden müssen.
Für den Seminarraum ist das eine ernste Einschränkung. Die meisten Ziele aus Seminaren sind keine einmaligen Handlungen. Sie sind Gewohnheiten.
Drei weitere Grenzen gehören dazu.
- Das Ziel ist nicht gewollt. Dann bleibt der Plan Papier. Siehe oben.
- Das Umfeld blockiert. Wer sich vornimmt, Aufgaben zu delegieren, und in einem Team arbeitet, in dem jeder Fehler beim Vorgesetzten landet, wird mit jedem Plan scheitern. Ein Teil des Transfers liegt außerhalb des Seminars.
- Der Plan wird starr. Ein Wenn-dann-Plan legt eine Antwort auf eine Situation fest. Das ist sein Nutzen und zugleich ein Risiko. Wer bei Widerspruch immer nachfragt, auch wenn gerade eine schnelle Entscheidung gebraucht wird, hat den Plan befolgt und die Situation verfehlt. Gute Pläne sind deshalb eng gefasst. Sie nennen eine Situation, in der die Handlung fast immer passt.
Ein Wenn-dann-Plan macht aus einem Ziel eine Handlung. Ein Ziel, das fehlt, ersetzt er nicht.
Was du morgen änderst.
Dieser Beitrag erklärt, warum und wann Wenn-dann-Pläne wirken. Wie du die Technik Schritt für Schritt in ein bestehendes Seminar einbaust, zeigt der Praxistipp „Transfersicherung in 10 Minuten“. Hier die Grundsätze, nach denen du einen Plan prüfst.
- Die Situation muss erkennbar sein. „Wenn es stressig wird“ ist zu vage. „Wenn in der Montagsbesprechung jemand widerspricht“ erkennt man, wenn es passiert.
- Die Handlung muss klein sein. „Dann bin ich ein besserer Zuhörer“ ist ein Ziel. „Dann stelle ich zuerst eine Frage“ ist eine Handlung, die in drei Sekunden passt.
- Wenige Pläne statt vieler. Ein oder zwei Pläne pro Person. Wer zehn Vorsätze aufschreibt, setzt keinen um.
- Laut sagen und wiederholen. Lass deine Lerngäste ihren Plan einer anderen Person vorlesen und in der Pause noch einmal für sich durchgehen. Die Auswertung von 2025 zeigt größere Effekte, wenn Pläne wiederholt werden.3
- Niemand bleibt allein. Jeder Plan bekommt einen Zeugen. Ein Lerngast aus dem Seminar, eine Kollegin im Team, eine Führungskraft. Und ein Datum, an dem jemand nachfragt.
Das Übertragen ist Schritt 6 von sechs. Wie er mit den Schritten davor zusammenhängt, steht auf der Methodenseite.
- Gollwitzer, Peter M.: Implementation intentions. Strong effects of simple plans. In: American Psychologist, Band 54, Heft 7, 1999, Seite 493 bis 503. Zurück zum Text
- Gollwitzer, Peter M.; Sheeran, Paschal: Implementation intentions and goal achievement. A meta-analysis of effects and processes. In: Advances in Experimental Social Psychology, Band 38, 2006, Seite 69 bis 119. Zurück zum Text
- Sheeran, Paschal; Listrom, Olivia; Gollwitzer, Peter M.: The when and how of planning. Meta-analysis of the scope and components of implementation intentions in 642 tests. In: European Review of Social Psychology, Band 36, Heft 1, 2025, Seite 162 bis 194. Zurück zum Text
- Sheeran, Paschal; Webb, Thomas L.; Gollwitzer, Peter M.: The interplay between goal intentions and implementation intentions. In: Personality and Social Psychology Bulletin, Band 31, Heft 1, 2005, Seite 87 bis 98. Zurück zum Text
- Baldwin, Timothy T.; Ford, J. Kevin: Transfer of training. A review and directions for future research. In: Personnel Psychology, Band 41, Heft 1, 1988, Seite 63 bis 105. Zurück zum Text
- Blume, Brian D.; Ford, J. Kevin; Baldwin, Timothy T.; Huang, Jason L.: Transfer of training. A meta-analytic review. In: Journal of Management, Band 36, Heft 4, 2010, Seite 1065 bis 1105. Zurück zum Text
- Greenan, Peter; Reynolds, Martin; Turner, Paul: Training transfer. The case for implementation intentions. In: International Journal of HRD Practice, Policy and Research, Band 2, Heft 2, 2017, Seite 49 bis 56. Zurück zum Text
- Greenan, Peter: The impact of implementation intentions on the transfer of training from a management development program. In: Human Resource Development International, Band 26, Heft 5, 2023, Seite 577 bis 602. Zurück zum Text
- Bélanger-Gravel, Ariane; Godin, Gaston; Amireault, Steve: A meta-analytic review of the effect of implementation intentions on physical activity. In: Health Psychology Review, Band 7, Heft 1, 2013, Seite 23 bis 54. Zurück zum Text
- Carrera, Mariana; Royer, Heather; Stehr, Mark; Sydnor, Justin; Taubinsky, Dmitry: The limits of simple implementation intentions. Evidence from a field experiment on making plans to exercise. In: Journal of Health Economics, Band 62, 2018, Seite 95 bis 104. Zurück zum Text
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